Veröffentlicht in Notizen aus der Hauptstadt, Satire

Zu Besuch beim Bundespräsidenten (Satire)

Zu Besuch beim Bundespräsidenten (Satire)

Der Bundespräsident hat eingeladen zum Bürgerfest. Da lasse ich mich nicht lange bitten. Kaum war ich am Schloss Bellevue, befand ich mich gleich in einer weitläufigen Menschenschlange. Es kam wie es kommen muss, auf dem Weg ins Schloss gab es den einen oder anderen Zwischenfall. Bei mehr als 30 Grad im Schatten ist ein Hitzeschlag nicht weit. Nur als Tipp: Wahrscheinlich ist ein Schwächeanfall der beste Weg, um die Menschenschlange schneller zu überwinden. Dann interessiert sich das Personal für einzelne Hitzegeschädigte, und man wird persönlich und in Begleitung in die Anlage geleitet. Alle anderen brauchen Zeit und Geduld, bis sie den Worten des Präsidenten lauschen können. Frank-Walter Steinmeier ist bestens gelaunt und freut sich über die Besucherschar. Zum Glück muss er sich nicht um alles kümmern, dafür kümmert er sich mit Worten um uns. Der Mann fordert, „dass wir uns ehrlich machen“ sollen. „Herr Bundespräsident, das ist doch ganz leicht, einfach bei sich selbst anfangen”, rufe ich.

„Ja, natürlich. Aber so einfach ist das nicht, wenn man neue Wege gehen möchte. Das Verständnis im Haus für neue Wege stößt an enge Grenzen.“ Er selber brauche zum Beispiel den ganzen präsidialen Aufwand nicht, und weniger sei doch sowieso mehr. Je größer die Zahl der Räume, desto geringer der Überblick. Ein Amtszimmer für die Außendarstellung, ein Arbeitszimmer für den Internetzugang und noch 14 weitere repräsentative Räume. „Wo du hinguckst, lauter altes Zeug, Möbel, Teppiche, Bilder, Vorhänge.“

Und ich erfahre noch: Nicht alle Dinge bereiten ihm Vergnügen. „Die vielen Autogrammkarten … Signieren ist kein Akt der Entspannung. Wer nur eine Niere hat, muss sich nicht auch noch ein Handgelenk ramponieren.“

Einmal in Fahrt, will er die Dienstvilla in Dahlem den Obdachlosen zur Verfügung stellen. Dahlem braucht Mut, Mut zur Bevölkerungsdurchmischung. Auch der Recycling-Container soll ruhig mal mit etwas anderem gefüllt werden als immer nur mit Champagnerflaschen.

Ich rufe hellauf begeistert: “Bravo, weiter so.“

Und dann werde ich Zeugin, wie man ihm Wasser reicht und frische Luft zufächelt. Der Protokollchef bedankt sich beim Publikum noch für die Aufmerksamkeit und entschwindet sodann mit dem Bundespräsidenten. Frank-Walter ist an dem Tag nicht mehr gesehen worden. Hohe Temperaturen setzen nicht nur der einfachen Bevölkerung zu. Zum Glück muss er ja im eigenen Haus nicht in der Warteschlange anstehen.

Seien Sie froh, dass Sie mich haben.

Ihre Frau zu Kappenstein

Foto: Michaela Hanf

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